Stoff aus Brennnesseln? Wie die Brennnessel zur Faserpflanze wurde

Stoff aus Brennnesseln? Wie die Brennnessel zur Faserpflanze wurde

Eine Brennnessel anfassen und dabei an Kleidung denken?

Wahrscheinlich nicht.

Und doch verbirgt sich in den langen Stängeln der Großen Brennnessel (Urtica dioica) ein Rohstoff, den Menschen schon vor sehr langer Zeit für Textilien nutzten: Brennnesselfasern.

Aus ihnen ließen sich nach mehreren Verarbeitungsschritten Fasern gewinnen, verspinnen und zu Geweben verarbeiten.

Die Brennnessel war also nicht nur Nahrungs- und Wildpflanze, Gartenhelfer oder ungeliebter Bewohner verwilderter Ecken.

Sie war auch eine Faserpflanze.

Und ihre Textilgeschichte reicht erstaunlich weit zurück.

Kann man wirklich Stoff aus Brennnesseln machen?

Ja.

Im Stängel der Großen Brennnessel befinden sich sogenannte Bastfasern. Sie liegen nicht einfach lose im Stängel, sondern sind Teil seines Gewebes und müssen in mehreren Arbeitsschritten von den übrigen Pflanzenbestandteilen getrennt werden.

Das Grundprinzip erinnert an andere traditionelle Faserpflanzen wie Flachs und Hanf.

Aus entsprechend aufbereiteten Brennnesselfasern können Garne und daraus wiederum Gewebe entstehen.

Wenn gelegentlich von „Brennnesselwolle“ gesprochen wird, ist das deshalb etwas irreführend.

Wolle stammt im eigentlichen Sinn von Tieren. Brennnesseln liefern Pflanzenfasern.

Gerade das macht die Geschichte aber nicht weniger spannend.

Wo sitzen die Fasern in der Brennnessel?

Die interessanten Fasern befinden sich im Stängel.

Dort verlaufen lange Faserbündel im Bastbereich. Sie geben der hochwachsenden Pflanze Stabilität – und genau diese Strukturen können als textile Fasern genutzt werden.

Wer einmal einen älteren Brennnesselstängel vorsichtig aufbricht und die äußeren Schichten betrachtet, kann mit etwas Glück bereits faserartige Strukturen erkennen.

Vom Pflanzenstängel bis zum weichen Garn ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Wie wurden Brennnesselfasern gewonnen?

Die genaue Verarbeitung unterschied sich je nach Zeit, Region und technischem Verfahren.

Grundsätzlich mussten die Fasern zunächst vom übrigen Stängelgewebe getrennt und anschließend weiter gereinigt und aufbereitet werden.

Historische und technische Beschreibungen nennen dabei Arbeitsschritte, die auch von anderen Bastfaserpflanzen bekannt sind.

1. Brennnesselstängel ernten

Für die Fasergewinnung werden die langen Stängel benötigt.

Dabei geht es nicht um die jungen zarten Triebspitzen, die wir aus der Küche kennen, sondern um ausgewachsene Pflanzen mit entsprechend entwickelten Stängeln.

2. Stängel trocknen und vorbereiten

Je nach Verfahren wurden die Stängel zunächst getrocknet und entblättert.

Danach musste das Pflanzengewebe so behandelt werden, dass sich die Bastfasern besser vom übrigen Stängel lösen ließen.

3. Rösten beziehungsweise Rotten

Ein traditionell wichtiger Schritt bei Bastfasern ist die sogenannte Röste oder Rotte.

Dabei helfen biologische beziehungsweise chemische Abbauprozesse, die verbindenden Bestandteile des Pflanzengewebes zu lösen.

Bei Brennnesseln wurden dafür historisch unterschiedliche Verfahren eingesetzt, darunter auch Wasserröste.

4. Brechen und Fasern lösen

Nach entsprechender Vorbereitung konnte das sprödere Stängelmaterial mechanisch gebrochen und von den Faserbündeln getrennt werden.

Damit waren die Fasern allerdings noch nicht fertig für den Webstuhl.

5. Reinigen, hecheln und kämmen

Die Faserbündel mussten weiter gereinigt, geteilt und ausgerichtet werden.

Beim Hecheln beziehungsweise Kämmen werden Pflanzenreste entfernt und die Fasern möglichst parallel ausgerichtet.

Erst durch diese aufwendige Aufbereitung entsteht ein Material, das sich besser verspinnen lässt.

6. Spinnen und weben

Aus entsprechend vorbereiteten Fasern können Fäden beziehungsweise Garne entstehen.

Diese lassen sich anschließend verweben.

Aus der Brennnessel am Wegesrand wird also nicht mit einem einzigen Handgriff Stoff.

Dazwischen liegt erstaunlich viel Pflanzenwissen und Handwerk.

Wie alt ist Brennnesselstoff?

Sehr alt.

Einer der besonders interessanten archäologischen Nachweise stammt aus Lusehøj in Dänemark.

Wissenschaftler untersuchten dort ein etwa 2.800 Jahre altes Textil aus der Bronzezeit. Durch die Analyse der Fasern konnten sie zeigen, dass das Gewebe aus Brennnessel bestand.

Noch überraschender war die Herkunft des Materials: Untersuchungen deuten darauf hin, dass die verwendeten Brennnesseln wahrscheinlich nicht aus Dänemark stammten, sondern aus dem Gebiet Kärnten-Steiermark.

Das macht den Fund auch für die Geschichte von Handel und Textilien interessant.

Menschen nutzten also bereits vor Jahrtausenden nicht ausschließlich Flachs oder andere Kulturpflanzen für ihre Stoffe.

Auch eine wild wachsende Pflanze wie die Brennnessel konnte wertvoller Rohstoff sein.

War „Nesseltuch“ immer aus Brennnesseln?

Hier wird es sprachlich etwas knifflig.

Der Begriff Nessel beziehungsweise Nesseltuch wird heute auch für bestimmte Gewebe verwendet, die keineswegs zwingend aus Brennnesselfasern bestehen.

Deshalb dürfen wir bei historischen oder modernen Stoffbezeichnungen nicht automatisch davon ausgehen:

Nessel = aus Brennnessel hergestellt.

Wenn wir wirklich wissen wollen, aus welcher Pflanzenart ein historisches Textil besteht, braucht es eine entsprechende Faseranalyse.

Das ist schwieriger, als man vermuten könnte. Bastfasern von Brennnessel, Flachs und Hanf können sich ähneln, weshalb Wissenschaftler verschiedene mikroskopische und andere analytische Methoden kombinieren.

Brennnesselfasern im Ersten Weltkrieg

Ein besonders gut dokumentiertes Kapitel beginnt im frühen 20. Jahrhundert.

Während des Ersten Weltkriegs wurden Rohstoffe wie Baumwolle und Flachs in Deutschland knapp. Dadurch wuchs das Interesse an heimischen Ersatzfasern.

Auch Brennnesseln rückten wieder in den Blick.

Historische Untersuchungen beschreiben, dass in Deutschland Brennnesselstängel gesammelt und Verfahren entwickelt beziehungsweise erprobt wurden, um die Fasern industriell nutzbar zu machen.

Dabei kamen unter anderem Trocknung, Röste, mechanisches Brechen, Hecheln und weitere Behandlungen zum Einsatz.

Das Ziel war ein Fasermaterial, das sich mit vorhandener Textiltechnik möglichst gut verspinnen ließ.

Waren deutsche Uniformen aus Brennnesseln?

Hier sollten wir bei einer schönen Internetgeschichte vorsichtig werden.

Man findet immer wieder sehr konkrete Behauptungen darüber, wie groß der Anteil von Brennnesselfasern an deutscher Militärkleidung gewesen sei.

Dass Brennnesselfasern während des Ersten Weltkriegs in Deutschland als Ersatzrohstoff intensiv untersucht und genutzt wurden, ist gut dokumentiert.

Sehr pauschale Aussagen wie „die deutschen Uniformen bestanden aus Brennnesseln“ würde ich dagegen nicht übernehmen, solange die konkrete Behauptung nicht durch belastbare historische Belege abgesichert ist.

Die wirkliche Geschichte ist auch ohne Übertreibung interessant genug.

Und im Zweiten Weltkrieg?

Auch während des Zweiten Weltkriegs wurde in Deutschland erneut intensiv an der Nutzung der Brennnessel als Faserpflanze gearbeitet.

Dabei ging es nicht nur darum, wilde Brennnesseln einzusammeln.

Es wurden auch Pflanzen mit besonders günstigen Fasereigenschaften ausgewählt und verschiedene technische Verfahren zur Verarbeitung entwickelt.

Der Botaniker Gustav Bredemann beschäftigte sich über Jahre mit der züchterischen Verbesserung von Fasernesseln.

Das zeigt, wie ernsthaft versucht wurde, aus der gewöhnlichen Brennnessel eine leistungsfähigere Faserpflanze zu entwickeln.

Warum verschwand Brennnesselstoff wieder?

Dass wir heute nicht selbstverständlich Brennnesselhemden im Kleiderschrank haben, hat mehrere Gründe.

Die Gewinnung und Aufbereitung der Fasern ist aufwendig.

Andere Fasern ließen sich wirtschaftlicher und in großen Mengen verarbeiten. Mit der Industrialisierung der Textilproduktion und der breiten Verfügbarkeit von Baumwolle sowie später synthetischen Fasern verlor die Brennnessel zunehmend an Bedeutung.

Das Problem lag also weniger darin, dass aus Brennnesseln kein brauchbares Textil entstehen könnte.

Es ging vor allem um Verarbeitung, Wirtschaftlichkeit und industrielle Skalierbarkeit.

Gibt es heute wieder Kleidung aus Brennnesselfasern?

Das Interesse an Brennnesselfasern ist nicht vollständig verschwunden.

In Forschung und Materialentwicklung wird die Pflanze weiterhin als mögliche Naturfaser untersucht. Dabei geht es sowohl um textile Anwendungen als auch um technische Verbundwerkstoffe.

Moderne Forschung beschäftigt sich beispielsweise mit den mechanischen und strukturellen Eigenschaften der Fasern sowie mit verbesserten Anbau- und Verarbeitungsverfahren.

Trotzdem ist Brennnesselfaser bislang ein Nischenmaterial und keine verbreitete Alternative zu Baumwolle, Flachs oder synthetischen Textilfasern.

Und auch hier sollten wir mit Nachhaltigkeitsversprechen vorsichtig sein.

Nur weil ein Rohstoff aus einer Pflanze stammt, ist ein daraus hergestelltes Textil nicht automatisch nachhaltig. Anbau, Fasergewinnung, chemische und mechanische Verarbeitung, Transport, Haltbarkeit und Recycling gehören ebenfalls zur Gesamtbilanz.

Kann man selbst Fasern aus Brennnesseln gewinnen?

Grundsätzlich ja – zumindest im kleinen experimentellen Rahmen.

Aus ausreichend entwickelten Brennnesselstängeln lassen sich Faserstränge herausarbeiten.

Das Ergebnis ist allerdings nicht automatisch das feine, gleichmäßige Garn, das wir von industriell hergestellten Textilien kennen.

Wer es ausprobieren möchte, sollte es deshalb eher als altes Handwerksexperiment verstehen:

Wie ist ein Pflanzenstängel aufgebaut? Wo sitzen die Fasern? Wie lassen sie sich lösen? Wie verändert sich das Material beim Trocknen und Bearbeiten?

Schon das Herausarbeiten einiger Fasern kann einen völlig anderen Blick auf die Pflanze eröffnen.

Für eine ausführliche DIY-Anleitung würde ich allerdings einen eigenen Beitrag erstellen und ein Verfahren praktisch testen, statt historische industrielle Prozesse einfach in eine Bastelanleitung zu übersetzen.

Eine Brennnessel – viele Geschichten

Vielleicht ist genau das der Grund, warum die Brennnessel so gut zu Grüne Seele passt.

Im Frühjahr können wir ihre jungen Triebe kennenlernen.

Später erscheinen Blüten und Samen.

Im Garten können abgeschnittene Pflanzen zu Brennnesseljauche werden.

Und wenn wir den Stängel betrachten, entdecken wir noch einmal eine vollkommen andere Geschichte: einen natürlichen Faserrohstoff, den Menschen schon vor Jahrtausenden zu nutzen wussten.

Eine Pflanze muss eben nicht nur „essbar“, „nützlich“ oder „Heilpflanze“ sein.

Manchmal lohnt es sich, ihre ganze Geschichte kennenzulernen.

Häufige Fragen zu Brennnesselfasern

Kann man aus Brennnesseln wirklich Stoff herstellen?

Ja. Die Große Brennnessel enthält Bastfasern im Stängel, die nach entsprechender Aufbereitung versponnen und zu Geweben verarbeitet werden können. Die Nutzung von Brennnesselfasern für Textilien ist sowohl archäologisch als auch historisch belegt.

Ist Brennnesselstoff dasselbe wie Nesseltuch?

Nicht unbedingt. Der Begriff Nessel beziehungsweise Nesseltuch bezeichnet heute auch Gewebe, die nicht aus Brennnesselfasern bestehen. Aus dem Namen allein lässt sich die tatsächliche Faserart deshalb nicht sicher ableiten.

Ist Brennnesselfaser Wolle?

Nein. Wolle ist eine tierische Faser. Die Brennnessel liefert pflanzliche Bastfasern aus ihrem Stängel. Umgangssprachliche Bezeichnungen wie „Brennnesselwolle“ können deshalb missverständlich sein.

Wie werden Brennnesselfasern gewonnen?

Die Verarbeitung kann mehrere Schritte umfassen: Stängel ernten und vorbereiten, rösten beziehungsweise rotten, brechen, Faserbündel lösen, reinigen, hecheln oder kämmen und anschließend verspinnen. Die genauen Verfahren unterscheiden sich historisch und technisch.

Wie lange gibt es Stoff aus Brennnesseln schon?

Ein besonders gut untersuchter archäologischer Fund ist ein etwa 2.800 Jahre altes Brennnesseltextil aus Lusehøj in Dänemark. Die Nutzung der Pflanze als Faserrohstoff reicht damit mindestens bis in die Bronzezeit zurück.

Wurden in Deutschland Brennnesselfasern verwendet?

Ja. Besonders während des Ersten und Zweiten Weltkriegs wurde in Deutschland verstärkt an der Gewinnung und Verarbeitung von Brennnesselfasern gearbeitet, als andere textile Rohstoffe knapp beziehungsweise schwer verfügbar waren.

Gibt es heute noch Brennnesseltextilien?

Brennnesselfasern werden weiterhin erforscht und teilweise für moderne Materialien und Textilien erprobt. Im Vergleich zu Baumwolle, Flachs oder synthetischen Fasern sind sie heute jedoch ein Nischenmaterial.

Fazit: Der Stoff, der im Stängel steckt

Die Brennnessel zeigt besonders schön, wie schnell wir eine alltägliche Pflanze unterschätzen können.

Unter ihren Blättern und Brennhaaren stecken lange Bastfasern, aus denen Menschen bereits vor Jahrtausenden Textilien herstellten. Später wurde die Pflanze in Deutschland sogar gezielt als möglicher Faserrohstoff erforscht und züchterisch bearbeitet.

Vom Brennnesselstängel bis zum fertigen Stoff war der Weg allerdings arbeitsintensiv.

Vielleicht macht gerade das die Geschichte heute wieder interessant.

Sie erinnert daran, wie viel Wissen früher notwendig war, um aus einer Pflanze einen Gebrauchsgegenstand entstehen zu lassen.

Beim nächsten Brennnesselbestand sieht man dann vielleicht nicht nur die Blätter.

Sondern auch ein kleines Stück Textilgeschichte.