Spitzwegerichsamen sammeln & verwenden: Das kleine Wildfood am Wegesrand
Beim Spitzwegerich denken viele zuerst an seine langen schmalen Blätter oder an Spitzwegerichsirup.
Doch wenn die Blütezeit langsam vorübergeht, beginnt ein Teil der Pflanze interessant zu werden, der häufig kaum beachtet wird:
die Samen des Spitzwegerichs.
Die kleinen Samen sitzen in den unscheinbaren Samenständen und lassen sich nach der Reife sammeln, trocknen und in der Küche verwenden.
Und das Spannende daran: Spitzwegerich (Plantago lanceolata) gehört zur gleichen Pflanzengattung wie verschiedene Arten, deren Samen wir als Flohsamen kennen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass selbst gesammelte Spitzwegerichsamen einfach dasselbe sind wie Flohsamen oder Flohsamenschalen aus dem Handel.
Wie entstehen die Samen des Spitzwegerichs?
Während der Blüte trägt Spitzwegerich seine charakteristischen Ähren auf langen, dünnen Stielen.
Rund um die Ähre erscheinen kleine helle Staubbeutel.
Nach und nach verschwindet dieser helle Blütenring. Die Blüten werden bestäubt und anschließend entwickeln sich in den kleinen Fruchtkapseln die Samen.
Der zunächst grüne Blütenstand verändert sich mit zunehmender Reife.
Er wird:
- trockener
- fester
- zunehmend braun
- schließlich leicht ausreibbar
Dann lohnt sich ein genauer Blick.
Wann sind Spitzwegerichsamen reif?
Ein festes Datum ist weniger hilfreich als die Pflanze selbst.
Je nach Standort und Wetter können sich Pflanzen unterschiedlich schnell entwickeln.
Ich würde deshalb auf den Samenstand achten.
Solange er noch frisch und grün ist, sind die Samen nicht vollständig ausgereift.
Ein reifer Samenstand wirkt dagegen trocken und bräunlich.
Du kannst ihn vorsichtig zwischen den Fingern über einer Handfläche oder einem Gefäß ausreiben.
Lösen sich die kleinen Samen leicht aus dem trockenen Samenstand, kannst du sie ernten.
Spitzwegerichsamen richtig sammeln
Für die Ernte kannst du die reifen Samenstände mitsamt einem Stück des Stiels abschneiden.
Ein Papierbeutel oder Stoffbeutel eignet sich zum Sammeln besser als ein luftdicht verschlossenes Gefäß, wenn noch Restfeuchtigkeit vorhanden sein könnte.
Sammle nur an sauberen Stellen und natürlich ausschließlich Pflanzen, die du sicher bestimmen kannst.
Meiden würde ich insbesondere stark befahrene Straßenränder, möglicherweise gespritzte Flächen und stark frequentierte Hundewege.
Und auch hier gilt:
Nicht den gesamten Bestand abernten.
Ein Teil der Samen bleibt an der Pflanze und kann sich natürlich verbreiten.
Samenstände zu Hause nachtrocknen
Auch wenn die Samenstände draußen bereits trocken aussehen, lasse ich sie zu Hause lieber noch einmal nachtrocknen.
Breite sie dafür locker auf Papier, einem Tuch oder einem geeigneten Trockengitter aus.
Der Platz sollte trocken und gut belüftet sein.
Erst wenn die Samenstände vollständig trocken sind, geht es ans Ausreiben.
Spitzwegerichsamen aus den Samenständen lösen
Jetzt kommt der schöne Teil.
Nimm die trockenen Samenstände und reibe sie vorsichtig zwischen den Fingern beziehungsweise Händen über einer Schüssel aus.
Dabei lösen sich die kleinen Samen zusammen mit trockenen Pflanzenresten.
Anschließend müssen wir nur noch die Samen vom gröberen Pflanzenmaterial trennen.
Größere Bestandteile kannst du zunächst mit den Fingern herausnehmen.
Für feinere Reste kann je nach Größe ein geeignetes Sieb hilfreich sein.
Wie sehen Spitzwegerichsamen aus?
Die Samen sind sehr klein und eher unscheinbar.
Je nach Reifegrad wirken sie bräunlich bis dunkelbraun.
Gerade wenn man sie zum ersten Mal sammelt, ist es erstaunlich, wie viele kleine Samen sich in den trockenen Ähren verbergen können.
Aus einem unscheinbaren braunen Samenstand wird plötzlich eine kleine Portion Wildsaat.
Spitzwegerichsamen richtig aufbewahren
Vor dem Abfüllen müssen die Samen vollständig trocken sein.
Das ist besonders wichtig.
Restfeuchtigkeit in einem geschlossenen Vorratsglas kann Verderb und Schimmel begünstigen.
Fülle die trockenen, gereinigten Samen anschließend in ein sauberes und ebenfalls vollständig trockenes Gefäß.
Bewahre sie trocken, kühl und möglichst lichtgeschützt auf.
Beschrifte das Glas am besten mit Pflanzenname und Erntejahr.
Sind Spitzwegerichsamen essbar?
Ja, die Samen des Spitzwegerichs sind essbar.
Sie gehören allerdings zu den Wildpflanzenzutaten, die heute wesentlich weniger bekannt sind als die Blätter.
Für mich macht gerade das ihren Reiz aus.
Man läuft den ganzen Sommer an diesen Samenständen vorbei, ohne zu ahnen, dass sich darin ein kleines essbares Wildfood befindet.
Was steckt in den Samen?
Arten der Gattung Plantago sind unter anderem für ihre quellfähigen Schleimstoffe bekannt.
Auch Spitzwegerichsamen enthalten Schleimstoffe und können bei Kontakt mit Wasser eine quellende beziehungsweise schleimige Schicht entwickeln.
Genau hier kommt allerdings eine wichtige Unterscheidung ins Spiel.
Spitzwegerichsamen sind nicht dasselbe wie Flohsamen
Spitzwegerich gehört botanisch zur Gattung Plantago.
Unser heimischer Spitzwegerich heißt:
Plantago lanceolata
Flohsamenprodukte stammen dagegen von anderen Wegericharten. Bei den bekannten indischen Flohsamen beziehungsweise Flohsamenschalen handelt es sich beispielsweise um Produkte aus Plantago ovata.
Die Pflanzen sind miteinander verwandt, aber nicht identisch.
Noch wichtiger:
Bei handelsüblichen Flohsamenschalen handelt es sich um ein entsprechend verarbeitetes und standardisiertes Produkt.
Selbst gesammelte Spitzwegerichsamen sollten deshalb nicht einfach nach Mengen- oder Anwendungsempfehlungen für Flohsamen beziehungsweise Flohsamenschalen eingenommen werden.
Ein heimisches „Superfood“?
Der Begriff Superfood ist keine wissenschaftlich festgelegte Lebensmittelkategorie.
Trotzdem finde ich ihn bei heimischen Wildpflanzen manchmal ganz passend, wenn man ihn nicht als Gesundheitsversprechen versteht.
Denn häufig kaufen wir exotische Samen, Pulver und Pflanzenprodukte, während wir kaum wissen, was direkt vor unserer Haustür wächst.
Spitzwegerichsamen sind ein schönes Beispiel dafür.
Sie sind essbar, lassen sich selbst sammeln und zeigen, dass auch unsere heimischen Wildpflanzen interessante Lebensmittel liefern können.
Man könnte deshalb mit einem Augenzwinkern sagen:
Ein kleines heimisches Wildfood statt Superfood aus der Ferne.
Wie kann ich Spitzwegerichsamen in der Küche verwenden?
Die vollständig getrockneten und gereinigten Samen können in kleinen Mengen verschiedene Speisen ergänzen.
Zum Beispiel:
- im Müsli
- über Porridge
- in Brot
- in Brötchen
- in Crackern
- in Saatenmischungen
- über herzhafte Gerichte
- in selbst gemachten Wildkräutermischungen
Gerade bei selbst gesammelten Wildpflanzen würde ich zunächst kleine Mengen verwenden und kennenlernen, wie sie schmecken und wie man sie am liebsten verarbeitet.
Und wie schmecken die Samen?
Spitzwegerichsamen besitzen keinen extrem dominanten Geschmack.
Sie wirken eher mild bis leicht nussig beziehungsweise erdig und lassen sich deshalb gut mit anderen Saaten kombinieren.
Gerade in Brot oder Crackern müssen sie deshalb nicht unbedingt allein verwendet werden.
Eine Mischung aus verschiedenen Saaten kann geschmacklich interessanter sein.
Nicht alles auf einmal sammeln
Spitzwegerichsamen sind nicht nur für uns da.
Die Samen sorgen schließlich dafür, dass sich die Pflanze weiter vermehren kann, und Pflanzenbestände sind Teil ihres jeweiligen Lebensraums.
Deshalb sammle ich Wildpflanzen grundsätzlich so, dass immer genügend zurückbleibt.
Für ein kleines Vorratsglas brauchen wir ohnehin keine komplette Wiese.
Vom Blütenstand zum Vorratsglas
Gerade bei Spitzwegerich lohnt es sich, die Pflanze über mehrere Monate zu beobachten.
Im Frühjahr entdecken wir die jungen Blätter.
Danach erscheinen die Blütenstände.
Und irgendwann stehen dort nur noch unscheinbare braune Ähren.
Genau dann könnte man denken, die interessante Zeit der Pflanze sei vorbei.
Dabei beginnt jetzt die Samenernte.
Ein paar trockene Samenstände sammeln, zu Hause nachtrocknen, ausreiben und reinigen – und plötzlich steht ein kleines Glas selbst gesammelter Wildsamen im Vorratsschrank.
Manchmal steckt das Interessanteste einer Pflanze eben in den Teilen, an denen wir sonst achtlos vorbeigehen.
Ein Kommentar zu „Spitzwegerichsamen sammeln & verwenden: Das kleine Wildfood am Wegesrand“