Spitzwegerich erkennen, sammeln & verwenden: Von den Blättern bis zu den Samen

Spitzwegerich erkennen, sammeln & verwenden: Von den Blättern bis zu den Samen

Manchmal wachsen die interessantesten Pflanzen genau dort, wo wir jeden Tag an ihnen vorbeilaufen.

Der Spitzwegerich (Plantago lanceolata) ist so eine Pflanze. Du findest ihn auf Wiesen, an Wegrändern, auf Rasenflächen und an vielen anderen unscheinbaren Stellen. Seine schmalen Blätter und langen Blütenstiele wirken auf den ersten Blick vielleicht wenig spektakulär.

Dabei lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Denn beim Spitzwegerich sind nicht nur die Blätter interessant. Auch die jungen Blütenstände und später sogar die Samen lassen sich nutzen. Gleichzeitig gehört die Pflanze seit Generationen zur traditionellen Hausapotheke.

Wie erkenne ich Spitzwegerich?

Spitzwegerich wächst als bodennahe Blattrosette. Seine Blätter sind lang und schmal, laufen spitz zu und sind meist deutlich länger als breit.

Besonders auffällig sind die kräftigen, nahezu parallel verlaufenden Blattadern.

Wenn du ein Blatt vorsichtig auseinanderziehst, können die zähen Leitbündel sogar wie kleine Fäden sichtbar werden. Dieses Merkmal kann bei der Bestimmung hilfreich sein.

Aus der Mitte der Blattrosette wachsen lange, weitgehend blattlose Stiele. An deren Ende sitzen die charakteristischen länglichen bis eiförmigen Blütenstände.

Während der Blüte erscheinen rund um den dunkleren Blütenstand kleine helle Staubfäden.

Wo wächst Spitzwegerich?

Spitzwegerich ist bei uns sehr häufig und kommt an ganz unterschiedlichen Standorten vor.

Du kannst ihn unter anderem auf Wiesen, Weiden, Rasenflächen, Böschungen, Feldwegen und an Wegrändern entdecken.

Hat man ihn einmal bewusst kennengelernt, passiert etwas Interessantes: Plötzlich sieht man ihn überall.

Spitzwegerich sammeln – worauf sollte ich achten?

Wie bei allen Wildpflanzen gilt:

Sammle nur Pflanzen, die du zweifelsfrei bestimmen kannst.

Wähle außerdem möglichst saubere Sammelstellen. Direkt neben stark befahrenen Straßen, an gespritzten oder intensiv bewirtschafteten Flächen sowie unmittelbar an stark frequentierten Hundewegen würde ich keine Pflanzen für die Küche sammeln.

Nimm außerdem nur so viel mit, wie du tatsächlich benötigst. Ein großer Teil der Pflanzen sollte am Standort verbleiben.

Wann kann man Spitzwegerich sammeln?

Die jungen Blätter erscheinen bereits im Frühjahr und können über einen langen Zeitraum gesammelt werden.

Für die Naturküche sind die jungen und noch zarten Blätter besonders interessant.

Später erscheinen die charakteristischen Blütenstände. Nach der Blüte entwickeln sich schließlich die Samen.

Dadurch kann man Spitzwegerich über einen großen Teil des Jahres beobachten und unterschiedliche Pflanzenteile kennenlernen.

Welche Teile des Spitzwegerichs sind verwendbar?

Je nach Jahreszeit lassen sich verschiedene Teile der Pflanze nutzen.

Die Blätter

Junge Spitzwegerichblätter können in der Wildkräuterküche verwendet werden. Außerdem spielen die Blätter eine wichtige Rolle in traditionellen Zubereitungen wie Tee oder Spitzwegerichsirup.

Die jungen Blütenstände

Auch die jungen Blütenstände sind essbar. Besonders interessant ist ihr Geschmack: Sie werden häufig als leicht pilzartig oder an Champignons erinnernd beschrieben.

Die Samen

Nach der Blüte entwickeln sich kleine Samen. Auch sie sind essbar und gehören zu den Teilen des Spitzwegerichs, die häufig übersehen werden.

Wie schmeckt Spitzwegerich?

Die jungen Blätter schmecken würzig, leicht herb und etwas kräftiger als viele klassische Salatkräuter.

Ältere Blätter werden zunehmend fester und faseriger. Für rohe Zubereitungen eignen sich deshalb besonders junge Blätter.

Die kräftigen Blattadern beziehungsweise Fasern lassen sich beim Schneiden berücksichtigen. Schneidest du die Blätter fein quer zu den Blattadern, lassen sie sich angenehmer verarbeiten.

Spitzwegerich in der Naturküche

Junge Spitzwegerichblätter können fein geschnitten beispielsweise in Kräuterquark, Kräuterbutter, Wildkräutersalaten, Suppen, Gemüsegerichten oder Wildkräuterpesto verwendet werden.

Auch als Bestandteil verschiedener Wildkräutermischungen lässt sich Spitzwegerich ausprobieren.

Die jungen Blütenstände können ebenfalls in der Küche verwendet werden. Gerade ihr ungewöhnliches, leicht pilzartiges Aroma macht sie interessant.

Wie bei allen selbst gesammelten Wildpflanzen solltest du zunächst nur kleine Mengen ausprobieren.

Spitzwegerich in der traditionellen Hausapotheke

Spitzwegerich gehört zu den Pflanzen mit einer langen traditionellen Verwendung.

Besonders bekannt ist er im Zusammenhang mit Reizungen im Mund- und Rachenraum und damit verbundenem trockenem Husten. Die Europäische Arzneimittel-Agentur führt entsprechende Anwendungen aufgrund der langjährigen traditionellen Nutzung der Pflanze.

Traditionelle Verwendung bedeutet allerdings nicht automatisch, dass jedes überlieferte Hausmittel nach heutigen wissenschaftlichen Maßstäben als wirksam nachgewiesen gilt.

Spitzwegerich ist beispielsweise Bestandteil traditioneller Zubereitungen wie Spitzwegerichtee und Spitzwegerichsirup.

Spitzwegerichsirup – ein Klassiker der Hausapotheke

Spitzwegerichsirup gehört zu den bekanntesten traditionellen Zubereitungen aus der Pflanze.

Dabei werden die Blätter verarbeitet und je nach Rezept beispielsweise mit Zucker oder Honig angesetzt.

Solche selbst gemachten Zubereitungen sollten hygienisch hergestellt und richtig aufbewahrt werden. Bei Husten gilt außerdem: Ein traditionelles Hausmittel ersetzt keine medizinische Abklärung, wenn Beschwerden stark sind, ungewöhnlich erscheinen oder länger anhalten.

Spitzwegerich bei Insektenstichen

Vielleicht kennst du auch diese alte Anwendung:

Ein frisches Spitzwegerichblatt wird zwischen den Fingern zerdrückt oder zerrieben, bis Pflanzensaft austritt. Anschließend wird das zerdrückte Blatt traditionell äußerlich auf die betroffene Hautstelle gelegt beziehungsweise darübergerieben.

Die traditionelle äußerliche Anwendung von Spitzwegerich bei kleineren Hautentzündungen ist ebenfalls beschrieben.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Spitzwegerich eine stärkere allergische Reaktion behandeln kann.

Bei zunehmender oder großflächiger Schwellung, Atemproblemen, Kreislaufbeschwerden oder anderen Anzeichen einer schweren allergischen Reaktion ist unverzüglich medizinische Hilfe notwendig.

Auf größere offene oder stark verletzte Hautstellen sollte außerdem nicht einfach eine frisch gesammelte Pflanze aufgelegt werden.

 

Spitzwegerich lässt sich auch für äußerliche Kräuterzubereitungen verwenden.

Eine Möglichkeit ist beispielsweise eine selbst gemachte Spitzwegerichsalbe, für die zunächst ein Kräuterölauszug hergestellt und anschließend zu einer Salbe weiterverarbeitet werden kann.

Gerade solche Zubereitungen zeigen, warum Spitzwegerich früher einen festen Platz in vielen traditionellen Hausapotheken hatte.

Spitzwegerichsamen – der oft übersehene Teil der Pflanze

Wenn die Blüte vorbei ist, lohnt es sich, den Spitzwegerich trotzdem weiter zu beobachten.

Denn jetzt entwickeln sich an seinen charakteristischen Ähren die Samen.

Auch sie sind essbar.

Spitzwegerich gehört zur Pflanzengattung Plantago. Zu derselben Gattung gehören auch Arten, deren Samen beziehungsweise Samenschalen als Flohsamen und Flohsamenschalen verwendet werden.

Unser heimischer Spitzwegerich (Plantago lanceolata) ist allerdings nicht dasselbe wie die für handelsübliche Flohsamenschalen häufig verwendete Art Plantago ovata.

Die beiden sollten deshalb nicht einfach gleichgesetzt werden.

Wann sind Spitzwegerichsamen reif?

Im Laufe des Sommers und Spätsommers verändern sich die Samenstände.

Sie werden zunehmend trocken und bräunlich. Sind die Samen ausgereift, lassen sie sich relativ leicht aus den trockenen Fruchtständen herauslösen.

Du kannst einen trockenen Samenstand vorsichtig über einem Gefäß zwischen den Fingern ausreiben. Lösen sich die kleinen Samen leicht, kannst du sie sammeln.

Spitzwegerichsamen sammeln und trocknen

Schneide einige reife, trockene Samenstände ab und transportiere sie beispielsweise in einem Papierbeutel oder Sammelkorb.

Zu Hause sollten sie noch einmal vollständig nachtrocknen.

Anschließend kannst du die trockenen Samenstände zwischen den Händen beziehungsweise über einer Schüssel ausreiben und die gröberen Pflanzenbestandteile entfernen.

Bevor die Samen in ein geschlossenes Vorratsglas kommen, müssen sie vollständig trocken sein.

Feuchtigkeit im Vorratsglas kann die Haltbarkeit beeinträchtigen.

Was ist das Besondere an den Samen?

Samen verschiedener Plantago-Arten enthalten quellfähige Schleimstoffe.

Dieses Prinzip kennen viele von Flohsamen und Flohsamenschalen.

Trotz der botanischen Verwandtschaft sollten selbst gesammelte Spitzwegerichsamen jedoch nicht einfach nach Dosierungs- oder Anwendungsempfehlungen für handelsübliche Flohsamenschalen verwendet werden.

Für die Naturküche sind die kleinen Samen vor allem ein interessantes heimisches Wildlebensmittel.

Wie kann man Spitzwegerichsamen verwenden?

Vollständig getrocknete und gereinigte Samen können in kleinen Mengen beispielsweise in:

  • Müsli
  • Brot und Brötchen
  • Saatenmischungen
  • Crackern
  • selbst gemachten Müslimischungen

verwendet werden.

Gerade die Samen zeigen besonders schön, wie viel wir bei einer vermeintlich unscheinbaren Wildpflanze entdecken können.

Oft wird bei sogenannten „Superfoods“ weit in die Ferne geschaut. Dabei lohnt sich auch der Blick auf unsere heimischen Pflanzen und darauf, welche Pflanzenteile traditionell genutzt wurden und welche Nähr- und Pflanzenstoffe tatsächlich in ihnen stecken.

Spitzwegerich und Flohsamen sind nicht dasselbe

Dieser Unterschied ist wichtig.

Der heimische Spitzwegerich heißt botanisch Plantago lanceolata.

Bei handelsüblichen Flohsamenschalen handelt es sich häufig um Produkte aus Plantago ovata.

Beide Pflanzen gehören zwar zur Gattung Plantago, sind aber unterschiedliche Arten.

Selbst gesammelte Spitzwegerichsamen sind deshalb kein direkter Ersatz für standardisierte Flohsamen oder Flohsamenschalen.

Eine unscheinbare Pflanze mit vielen Seiten

Spitzwegerich ist eine dieser Pflanzen, die zeigen, wie viel sich direkt vor unserer Haustür entdecken lässt.

Im Frühjahr erscheinen seine jungen Blätter. Danach folgen die charakteristischen Blütenstände und später die Samen.

Er lässt sich in der Naturküche kennenlernen und gehört gleichzeitig zu den Pflanzen, die seit Generationen in der traditionellen Hausapotheke verwendet werden.

Vielleicht gehst du beim nächsten Spaziergang etwas aufmerksamer über eine Wiese.

Denn sobald du die schmalen Blätter mit ihren auffälligen Blattadern einmal kennst, wirst du ihn wahrscheinlich immer wieder entdecken.

Und aus einer Pflanze, an der man früher einfach vorbeigelaufen ist, wird plötzlich ein kleines Stück Naturwissen.

Du möchtest Spitzwegerichsamen selbst sammeln und verwenden?
In meinem ausführlichen Beitrag zeige ich dir Schritt für Schritt, wann die Samen reif sind, wie du sie sammelst, trocknest und anschließend verwenden kannst.
→ Spitzwegerichsamen sammeln & verwenden

 

Spitzwegerich oder Breitwegerich – was ist der Unterschied?

Spitzwegerich und Breitwegerich gehören beide zur Gattung Plantago und wachsen häufig sogar an ähnlichen Orten. Wenn du die Blattform kennst, kannst du sie jedoch recht gut auseinanderhalten.

Spitzwegerich (Plantago lanceolata)

Der Spitzwegerich besitzt seine typischen:

  • langen, schmalen und lanzettförmigen Blätter
  • deutlich sichtbaren, fast parallel verlaufenden Blattadern
  • meist aufrecht stehenden Blätter in einer Rosette
  • relativ langen, dünnen Blütenstiele
  • eher kurzen, länglichen bis eiförmigen Blütenähren

Seine Blätter erinnern von der Form tatsächlich ein wenig an eine Lanzenspitze – daher auch der botanische Name lanceolata.

Breitwegerich (Plantago major)

Beim Breitwegerich sieht die Blattrosette deutlich anders aus.

Seine Blätter sind:

  • breit und eiförmig bis rundlich
  • wesentlich kürzer und breiter als beim Spitzwegerich
  • ebenfalls von kräftigen Blattadern durchzogen
  • häufig relativ flach am Boden ausgebreitet
  • mit einem deutlich ausgeprägten Blattstiel versehen

Auch die Blütenstände unterscheiden sich. Der Breitwegerich bildet meist lange, schmale Ähren, an denen zahlreiche kleine unscheinbare Blüten beziehungsweise später Samen sitzen.

Das ist eigentlich eine schöne Eselsbrücke:

Spitzwegerich: schmale, spitze Blätter + eher kurzer Blütenkopf.
Breitwegerich: breite Blätter + lange Blüten-/Samenähre.

Kann man Breitwegerich ebenfalls verwenden?

Ja – und das ist das Spannende.

Auch der Breitwegerich ist essbar und wurde traditionell verwendet. Junge Blätter können beispielsweise in der Wildkräuterküche genutzt werden und auch seine Samen sind essbar.

Trotzdem sollten wir die Pflanzen nicht einfach beliebig gegeneinander austauschen.

Wenn in unserem Artikel von Spitzwegerich die Rede ist, meinen wir ausdrücklich Plantago lanceolata. Medizinische Monographien und konkrete traditionelle Anwendungen können sich nämlich auf eine bestimmte Art und einen bestimmten Pflanzenteil beziehen.

Direktvergleich

Merkmal Spitzwegerich Breitwegerich
Botanischer Name Plantago lanceolata Plantago major
Blätter lang, schmal, spitz breit, eiförmig/rundlich
Blattstellung eher aufrecht häufig bodennah
Blattadern deutlich längs verlaufend ebenfalls deutlich ausgeprägt
Blütenstand relativ kurze Ähre deutlich längere Ähre
Samen essbar essbar
Naturküche junge Blätter, Blütenstände, Samen vor allem junge Blätter und Samen

Wenn du dir nur ein Merkmal merken möchtest, schau zuerst auf die Blätter. Bei ausgewachsenen Exemplaren ist der Unterschied zwischen den schmalen Blättern des Spitzwegerichs und den breiten Blättern des Breitwegerichs meistens ziemlich deutlich.

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